von Jean-Baptiste Moliere, Regie: Peter Wagner >>

Mitwirkende
Chrysal   Edgar Stadtler>>
Philaminte, seine Frau   Gertrud Staudacher>>
Armande   Dawn Anne Dister>>
Henriette   Regine Schulz>>
Arist   Manfred Hüskes>>
Belise   Ilse Benninger>>
Clitander   Peter Supiran>>
Trissotin, Schöngeist   Lorenz Konther>>
Vadius, Gelehrter   Albrecht Weber>>
Martine, Köchin   Beate Müller>>
Notar   Volker Hönig>>
Bote   Christoph Stadtler>>
 

Technik
Bühnengestaltung   Peter Wagner>>
Kostüme   Regine Schulz>>
Plakat   Regine Schulz>>
Technik   Manfred Hüskes>>
Souffleuse   Petra Brecht>>
 

Die literarischen Salons im 17. Jahrhundert

1607 begann eine höfische Renaissance in Frankreich. Mme de Rambouillet, Tochter des französischen Botschafters am Heiligen Stuhl, vermißte bei ihrer Rückkehr nach Paris die ausgewählte Gesellschaft, die sie in Rom gekannt hatte. Daher versammelte sie regelmäßig in ihrem Hause gebildete Damen und Herren des Adels, des höheren Bürgertums und andere Männer des Geistes.

In diesem Rahmen nun vervollkommnete sich die Idealfigur des 'honnete homme'. Dieser war elegant in seinem Äußern, aufrichtig und bescheiden in seinem Handeln und seine Sprache war gepflegt. Hier erneuerte sich die ehrwürdige Tradition der langwährenden Liebe. 13 Jahre wartete Montausier auf die Hand von Mme de Rambouillets Tochter. Führt man nicht v o r der Ehe die schönsten Gespräche über die Liebe?

Wenn diese Gesellschaften "precieuse" genannt wurden, dann war das, trotz einer leichten Ironie, eine Würdigung ihrer vornehmen Umgangsformen, des guten Tones und der gepflegten Sprache. Dann aber wurde es zur Mode für eine führende Dame der Gesellschaft, einen Salon zu haben, Keine jedoch besaß das Ansehen noch die Haltung jener Marquise. Sie waren entweder zu affektiert, zu gelehrt, zu schön oder zu pedantisch.

Noch schlimmer wurde es, als die Adligen in der Provinz beschlossen, auch Ihre Empfänge zu veranstalten. Es war unumgänglich, daß nun die Vornehmheit Manier wurde. Eleganz Übertreibung, es wimmelte von Verhaltensvorschriften, während Auszeichnungen nach allen Seiten verliehen wurden. Die Sprache wurde mit Metaphern und Bonmots überladen, die geringsten Zeilen erzeugten schwärmerische Begeisterung: selbst die Liebe wurde zu einer Art geregelten Tourismus im Lande der Zärtlichkeit Kurz, diese möchtegern preziösen Damen machten sich und die Salons lächerlich und es überrascht nicht, daß sie zur Zielscheibe des Spottes von Moliere wurden.

Dies um so mehr. als seine Feinde, die auch in den besseren Salons verkehrten, nicht zögerten, seine Werke und ihn selbst in Mißkredit zu bringen.


Natur als Ganzheit des Menschen

Dieses Bedürfnis, sich hervorzutun findet sich zu allen Zeiten, und immer wirken jene Menschen – ob Mann oder Frau - etwas lächerlich - die sich um eine bestimmte Art von Ansehen bemühen.

Der Grundgedanke in Molieres Stück, wenn auch hier auf die gebildetseinwollenden Frauen bezogen, ist nicht viel anders, als der Gedanke, der Henriette Feuerbachs Büchlein "Gedanken über die Liebenswürdigkeit der Frauen", zugrunde liegt.

Der Begriff der "Natur" bei Moliere bedeutet eine natürliche Ganzheit des Menschen, wie es etwa Clitander ausdrückt: „Ich liebe mit dem ganzen Selbst; drum soll ein andres ganzes Selbst sich mir ergeben".

In ihrem Büchlein gibt Henriette Feuerbach dem abstrakten Gedanken Schillers ...“Die schöne Seele hat kein anderes Verdienst, als daß sie ist“ ... konkreten Inhalt, wenn sie die „Anmut“ mit der „Liebenswürdigkeit“, (hier auf die Frau gezogen) gleichsetzt. „Schön, geistreich, talentvoll, gebildet, verständig zu seyn, ist noch nicht genügend; den rechten Nachdruck giebt allein diesen lobenswerthen Eigenschaften erst das beigefügte Wort „liebenswürdig“. Keine von allen schließt es in sich, und alle diese einzelnen Gaben erreichen erst dann ihre Vollendung. wenn sie sich in diesem oft genannten, vielbedeutenden Wort als in einem Brennpunkte vereinigen, von welchem sie als einzelne Strahlen ausgehen.

Man trifft wahre Liebenswürdigkeit selten, und gerade neben einer sich entschieden auszeichnenden Eigenschaft am allerwenigsten. Wie häufig erscheint die Schönheit leer und flach; wir wenden uns bewundernd zwar, aber dennoch unbefriedigt hinweg. Es fehlt ein gewisses Etwas, welches man sich oft nicht zu erklären vermag. Geist und Witz ohne Liebenswürdigkeit wirken manchmal wie scharfes Gewürz, welches viele Personen nicht vertragen können, oder wie stark riechende Blumen, die für den ersten Augenblick wohl dem Geruchssinne schmeicheln, aber in die Länge Kopfschmerz und Schwindel erregen. Die Mehrzahl der, von unserer schöngeistigen Zeit durch Lectüre und Umgang gebildeten sogenannten geistreichen Frauen gefallen sich, bei jeder Gelegenheit ihr Licht leuchten zu lassen vor den Leuten. Anfangs überrascht die Neuheit, und man wird in dem glänzenden Strom unwillkürlich eine Strecke weit fortgerissen, kehrt aber in der Regel nach kurzer Zeit, geblendet und stumpf wieder in sich selbst zurück. Das verständige Frauenzimmer ist stets seiner Stelle im Leben gewiß, und wird sich in allen Lagen und Verhältnissen des allgemeinen Wohlwollens, der Achtung zu erfreuen haben“

Man würde sehr im Unrecht sein, meinte man, daß in den GELEHRTEN FRAUEN die Emanzipation der Frauen lächerlich gemacht werden soll, Es geht vielmehr dem Autor und auch dieser modernen Inszenierung seines Stückes darum, ein falsches Streben nach Einseitigkeit zu verurteilen- welches auf Kosten der Entfaltung des ganzen Menschen geht.


Ausschnitt aus einem Dialog von Moliere über das Lustspiel und seine Regeln

Dorante:
Ganz gewiß würdet Ihr der Wahrheit nicht zu nahetreten, wenn Ihr das Lustspiel für die schwere Gattung dramatischer Arbeiten erklärtet. Es ist meines Erachtens weit leichter, große Ideen mit dem Pathos der Tragödie auszusprechen, dem Glück in Versen zu trotzen. das Schicksal anzuklagen, die Götter zu schmähen, als die Menschen von ihrer komischen Seite aufzufassen und ihre Fehler zum Ergötzen des Publikums auf der Bühne in pikanter und witziger Weise lächerlich zu machen. Habt Ihr Helden zu zeichnen, so seid Ihr vollkommen frei in Eurem Tun und Lassen. Das sind Phantasiegebilde, in denen keiner eine Porträtähnlichkeit wittert: Ihr braucht Euch hier nur dem Schwung Eurer Einbildungskraft zu überlassen, die oft dem Streben etwas Außerordentliches vorzuführen, die Wahrheit opfert. Wenn Ihr aber Menschen malen wollt, so müßt Ihr sie nach der Natur zeichnen. Das müssen Porträts und frappant ähnliche Porträts sein, denn wenn man nicht in ihnen die Züge der Leute Eures Jahrhunderts erkennt, so war Eure Arbeit eine vergebliche.

Lysidas:
Moliere ist sehr glücklich, in Euch, mein Herr Chevalier, einen so warmen Beschützer zu finden. Da es sich jedoch hier hauptsächlich um die Lösung der Frage handelt, ob sein Stück gut oder schlecht sei, erbiete ich mich, nachzuweisen, daß es von in die Augen springenden Fehlern wimmelt. Derjenige, welcher mit Aristoteles und Horaz einigermaßen vertraut ist, meine Gnädigste, sieht auf den ersten Blick, daß dieses Stück gegen alle Regeln der Kunst verstößt.

Dorante:
Ihr seid kuriose Leute mit Euren Regeln, womit Ihr Unwissenden zu imponieren und andere dumm zu machen sucht. Wenn man Euch hört, sollte man glauben, Eure Regeln seinen das tiefste Geheimnis der Welt; und doch sind sie weiter nichts, als einige Betrachtungen des Verstandes über die Mittel und das Vergnügen zu verkürzen, das derartige Kunstprodukte uns gewähren. Ich möchte wissen, ob nicht die Regel aller Regeln die ist, zu gefallen und ob ein Lustspiel, das diese Ziel erreichte, nicht den rechten Weg eingeschlagen hat?

Uranie:
Ich habe die Bemerkung gemacht, daß gerade die Autoren, die die regeln der Kunst am meisten im Munde führen, die langweiligsten Stücke schreiben, die niemand sehen mag.

Dorante:
Und das beweist eben, gnädige Frau, wie wenig Rücksicht man ihren verwickelten Streitereien zollen soll, denn wenn ein regelrechtes Stück uns nicht gefallen und ein nicht regelgerechtes uns gefallen hat, so ist das ein Zeichen, daß die Regeln schlecht sind. Spotten wir also der Schikanen, die den Geschmack des Publikums beherrschen wollen, und beurteilen wir ein Schauspiel nur nach dem Eindruck, den es auf uns macht. Geben wir uns mit voller Seele diesem Eindruck hin, und suchen wir nicht nach Einwänden, die uns die reine Freude an der Sache verderben.